
Politologe warnt vor Verharmlosung des Nationalsozialismus
Tief besorgt angesichts gesellschaftlicher antidemokratischer Tendenzen hat sich der Kärntner Politikwissenschaftler Bernhard Gitschtaler gezeigt. Im Interview mit dem Kärntner "Sonntag" (aktuelle Ausgabe Nr. 13/2025) sagte Gitschtaler, es habe nach 1945 noch nie eine Zeit gegeben, "die uns so sehr und so stark an die Zeit vor und zu Beginn des Nationalsozialismus erinnert wie die jetzigen Konflikte und Auseinandersetzungen". Momentan werde das, "was damals zur Zeit des Nationalsozialismus passiert ist, von vielen Leuten wieder bagatellisiert, verharmlost, heruntergespielt. (...) Wir leben in einer Zeit, in der jene, die es mit einer demokratischen Gesellschaft nicht sehr ernst nehmen, die lieber Autorität verlangen, momentan leider viele auf ihrer Seite haben."
Der Politologe und Buchautor bedauerte, dass man sich gegenwärtig in der Gesellschaft nicht mehr auf einen gemeinsamen Freiheitsbegriff einigen könne. Für viele bedeute Freiheit, "wieder einen starken Mann zu haben, einen Herrscher, der entscheidet, und die Menschen müssen dann selbst nicht mehr nachdenken".
Als Gründungsmitglied und Obmann des Vereins "Erinnern Gailtal" widmet sich Gitschtaler der Erforschung des Nationalsozialismus in Kärnten, insbesondere der Erinnerungskultur und NS-Opferforschung. Am 8. Mai wird in Hermagor das "Denkmal der Namen" für die Opfer des Nationalsozialismus aus dem Bezirk Hermagor eingeweiht. Gitschtaler: "Wir sind froh, dass es uns nach fünfzehnjähriger Arbeit mit der Stadtgemeinde, mit dem Bürgermeister gelungen ist, die Namen dieser mehr als sechzig Opfer auf einem Denkmal zu verewigen. Zu diesem Ort können nun die Angehörigen kommen, hier können Gedenkveranstaltungen stattfinden."
Niemand werde mehr behaupten können, dass es diese Opfer nicht gegeben habe, auch wenn viele Leute immer noch sagen, "dass wir nicht über die Vergangenheit reden sollen". Das "Denkmal der Namen" sei ein wichtiger Beitrag, um ein Zeichen zu setzen - "einerseits für die Opfer, andererseits für die Zukunft. So etwas darf nicht mehr passieren."
Im Einsatz für Freiheit, Demokratie und Menschenrechte nahm Gitschtaler auch die katholische Kirche in die Pflicht und ortete noch Luft nach oben: "Es ist mit der Katholischen Kirche ein bisschen wie mit der Europäischen Union. Wie soll ein wichtiger Block etwas erreichen, wenn er nicht mit einer Stimme sprechen kann, wenn dieser Block in der EU innerlich so zerspalten ist? "Auch in der Katholischen Kirche gebe es unterschiedliche Strömungen, "einerseits den Papst, der den synodalen Weg eingeschlagen hat, andererseits gibt es viele Ebenen, die sich nicht darauf einigen können, ob sie diesen Weg auch mitgehen sollen".
Das Interview fand anlässlich des Erscheinens von Gitschtalers neuem Buch über den Kärntner sozialdemokratischen Politiker Hans Lagger (1882-1949) statt, der Dachau überlebte. Der Titel: "Hans Lagger und die Wahrheit über Dachau".
Quelle: kathpress